Und wieder einmal heisst es…

„Macht Bier Krebs?“

In Deutschland wurden in der vergangenen Wochen zahlreiche Pressemeldungen über Befunde von Glyphosat in verschiedenen Bieren veröffentlicht. Glyphosat ist ein Rückstand aus einem Getreide-Spritzmittel. Das Mittel ist in Deutschland verboten. Es wird aber in fast allen andern EU-Länder weiter eingesetzt und kommt deshalb in Mikrospuren in importierten Malzen vor. Die Mengen sind verschwindend klein. Man müsste rund 1000 Liter „belastetes“ Bier trinken um an die Grenze einer möglichen kritischen Menge zu kommen. Viel Lärm um Nichts…

Nichts desto trotz ist das natürlich für unsere Nachbarn eine ärgerlich Geschichte. Ausgerechnet im Jubiläums-Jahr „500 Jahre Reinheitsgebot“ macht sie die Runde. Man ist deshalb geneigt, dem privaten „Gesundheitsinsitut“, welches die Sache angetreten hat, böse Absicht zu unterstellen.

Bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich an einen ähnlichen Fall. Vor vielen Jahren, muss Ende der 70-iger gewesen sein, erschien im BILD eine dicke, fette Schlagzeile: „BIER MACHT KREBS“!  Gemeint war der Nitrosamingehalt im Bier. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Hysterie brach aus. Der Bierumsatz brach kurzfristig ein.

Nitrosamine sind, einfach gesagt, verbranntes Eiweiss. Sie kommen in vielen Nahrungsmitteln vor. Käse, Gesalzenem, Geräuchtem, Gepöckeltem, Gebratenes, Gegrilltes usw usf.. Hintegrund war eine Reihenuntersuchung an deutschen Universitäten um herauszufinden, wie viel Nitrosamine der deutsche Bürger im Schnitt pro Jahr davon isst. Man hat deshalb alle Nahrungsmittel untersucht und fand so Spuren von Nitrosamin auch im Bier. Das hatte man da nicht erwartet. Und so kam die Meldung auf ein Pressepapier und an die Medien, wo niemand genau wusste, wie wenig „ppb“ sind (parts per billion). „Das sind vielleicht zwei Würfelzucker im Oeltanker“ sagte ein Professor. Trotzdem, man ging der Sache nach. Und fand die Ursache im Malz, welches in veralteten Mälzereien über Rauch und offenem Feuer getrocknet wurde. Das Problem war umgehend gelöst.

Die Folgen waren beachtlich. Deutschland senkte die erlaubte Maximalmenge Nitrosamine im Malz auf fast nicht mehr nachweisbare Minimengen. Die Schweiz zog nach. Das war für die Schweizer Brauer ein Problem. Es gab damals erst zwei genügend präzise Messgeräte in der Schweiz, an der ETH und beim Lebensmittelinspektorat in Bern. Und die waren dauern belegt. Und weil verschiedene deutsche Mälzereien ihre „belasteten“ Malze mit falschen Analysen im Export verkauften, war Handlungsbedarf da.

Der Schweizerische Brauereiverein – das Kartell – finanzierte darum über einen „Nitrosaminkredit“ sofort einen eigenen „GC-MS“, inklusive ETH-Bedienungsmannschaft. Und begann sofort mit Ringuntersuchungen. Der Spuk war nach ein paar Monaten vorbei.

Die Kosten für dieses Gerät und die Mannschaft dazu aber blieben. „Zum Glück“ fand man kurz darauf auf holländischen und deutschen Salaten ebenfalls Spuren von irgendwelchen Substanzen, die man nur mit diesen Geräten schnell genug nachweisen konnte. So kamen von allen Salat- und Gemüseimporten direkt per Kurier vom Zoll Proben nach Zürich, ins Brauereilabor, wo man auch am Abend und Samstag Salate untersuchte, damit die Lastwagen weiterfahren durften. Zu einem stolzen Preis.

Kurz danach platzte der österreichische Weinskandal. Bauern hatten ihren Wein mit Glycerin geschönt. Und auch das liess sich mit dem Bierbrauer-GC-MS in Windeseile nachweisen. Zu einem noch stolzeren Preis.

Und so kam es, dass aus der anfänglichen Notfallübung „Bier macht Krebs“ für die Schweizer Brauer ein nettes kleines Zusatz-Geschäft entstand…

29.2.2016  Martin Wartmann, Bierbrauer

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