Medaillen-Flut

Man kann sich über den Sinn von Medaillen bei Bieren streiten. Genauso über das Rating von Weinen, Schokoladen und Spirituosen. Wenn Sie mich fragen, bleibt Geschmack eben immer noch eine individuelle Sache. Die Geschichten sind endlos, wo man unbedarfte Konsumenten und oft sogar Kenner mit einem hundskommunen Tischwein im Vergleich zu einem hoch ausgezeichneten Grand Cru hereingelegt hat.

Meininger Medaillen für PILGRIM
Meininger Medaillen für PILGRIM

In der Bierbranche sind das bestes Beispiel die neuerdings trendigen Sauerbiere. In meiner Ausbildungszeit wurden solche Biere und Weine als hochgradig infiziert abqualifiziert. Den Braumeister hätte man sofort entlassen. Heute sind die sogenannten „Brett-Biere“ (kommt von Brettanomyces – einer Hefe-Art) voll im Trend und gelten als Köstlichkeit. An Wettbewerben gewinnen sie höchste Auszeichnungen. Ich kenne aber mehr Biergeniesser, welche ob dem Sauerbier die Nase rümpfen als wahre Fans.

Bei Bieren kommt noch die Frage des richtigen Stils dazu. Man kann ja schlecht ein helles Pils mit einem schwarzen Stout vergleichen. Und da geht es dann schon wieder los – mit dem Vergleichen und den Stilbeschrieben. Was ist jetzt zum Beispiel mit den „Black India Pale Ale“. Wo doch ein Pale Ale von der Art her ein helles Bier sein müsste und sicher kein Schwarzes?

Geschmack versus Laboranalysen

Medaillen und Ratings sind für mich deshalb relativ. Wichtiger scheinen mir klare Laboranalysen. Die geben unbestechlich Auskunft über Farbe, Extrakt, Restextrakt, Bittereinheiten, Alkohol, geschmacksbeeinflussende Substanzen aus Gärung, Hopfen und Malzen, Schaumstabilität, Glanz, Trübung, Reinheit, Infektionen mit fremden Bakterien, Luftwerten usf. Dabei Standards einzuhalten ist schwieriger als ein eigentlich ungewolltes Hefe-Aroma in blumigen Worten schönzureden. Kein Wunder deshalb, dass sich die bunte Mikrobrauerszene um diese Bewertungen drückt. Mir sind wenig Craft-Brauer bekannt, welche sich diesen Tests unterziehen.

Reinheitsgebot

Jeder Verkoster hat seine Affinitäten und seine Meinung. Das ist auch gut so. Nur, wenn er dann seine Philosophie auf die Produktbewertung überträgt, dann wird’s schwierig. Ein Beispiel ist die Geschichte mit dem Choco Stout, welches anlässlich einer bayrischen Bierverkostung mit der Bemerkung „schmeckt nach Schokolade“ mit schlechtem Rating abgestraft wurde. Klar, Schokolade im Bier geht nicht mit dem bayrischen Reinheitsgebot. Wie’s dann schmeckt zählt nicht.

Wieso machen so viele Brauer an Wettbewerben mit?

Einerseits ist es der Marketingeffekt. Eine Medaille sieht immer gut aus. Heineken hat heute noch eine Medaille aus einer Prämierung an der Weltausstellung in Paris anno 1900 im Logo. Andererseits ist’s der Ehrgeiz. Welcher Braumeister möchte nicht der „Beste“ sein? Und zum dritten die anonyme Beurteilung der Biere durch ein – hoffentlich kompetentes – Verkosterteam. Und da qualifiziert sich das seit Jahren mit Weinverkostungen trainierte Team des Meininger Verlags. Die Resultate fliessen in ein kompetentes Bewertungsschema – die sogenannten „Geschmacks-Spinne“ – ein, welche Vergleich erlaubt, Geschmack sichtbar macht, und die Kontinuität über die Jahre gewährleistet. Diese Analysen sind mir deshalb mindestens so wichtig wie die Medaillen daraus. Letztere machen einfach Freude und sind ein Kompliment an die Brauer.

Chart PILGRIM Imperial Belgian Blonde 16%

Chart PILGRIM Imperial Russian Stout 14%

Martin Wartmann, Bierbrauer, Mai 2017

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