Der nächste Boom – die Bierfestivals

Quer durch die Schweiz schiessen sie in allen Städten und Dörfern aus dem Boden – Bierfestivals. Das Prinzip ist meist dasselbe. Organisatoren stellen in einer Halle oder Saal eine einfache Infrastruktur zur Verfügung. Sie wird von den Brauern gemietet und mit Bierausschank belebt. Der Besucher zahlt Eintritt, kauft ein Glas oder Jetons und holt sich an den Bier-Ständen, gegen einen mehr oder weniger grossen Betrag, Verkostungs-Muster. Ausgeschenkt wird in meist zu grosse Festivalgläser mit dem Logo des Anlasses.

Auf den ersten Blick ist das eine gute Idee – Win-Win-Win.

Die Brauer bieten den Bierfreunden Gelegenheit, sich durchzuverkosten, zu vergleichen und sich eine Meinung über die jeweiligen Biere zu bilden. Gespräche mit dem Brauer runden das Erlebnis ab. Oft gibt’s Verpflegungsmöglichkeiten, eine kleine Festwirtschaft und Sitzgelegenheiten. Der Grat zwischen Fachverkostung, Information und  „Oktoberfeststimmung“ wird schmal.

Für die Brauer ist es Gelegenheit, Werbung zu machen, neue Kunden zu finden und an die Unkosten ein paar Franken zu verdienen. Auch der Organisator geht kaum leer aus. Die Unkostenbeiträge welche die Brauer zahlen sind oft erheblich. Und die Nachfrage nach Standplätzen soll enorm sein. Kein Wunder bei der Vielzahl von Brauerei-Gründungen.

Wir waren mit unseren PILGRIM` ein paar Mal dabei. In Zürich, in Bern, in Basel. Mittlerweile hat sich unsere Begeisterung etwas abgekühlt. Man steht dicht gedrängt, zwischen einer zufälligen Auswahl von Brauereien von denen man noch nie gehört hat. Die Bierauswahl geht von hervorragenden, stilkompatiblen Profi-Bieren bis zu den verrücktesten Innovationen. Im Zentrum des Angebotes stehen ein paar dutzend ähnlich schmeckende Varianten von Bieren mit ein bisschen mehr Malz, ein bisschen mehr Farbe, ein bisschen mehr anderem Hopfen, allestrüb. Von „opal“  bis „puddeldick“. Nur die Klassiker, die Glanzklaren, die fehlen…

Ich habe einmal gelernt, dass ein wunderbar-feurig-blankes sehr helles Export, Lager oder Pils, sauber und ohne Makel in der Nase, mit dichter, stabiler Schaumkrone, mild gehopft, nicht kratzig und nicht malzig-breit und nicht anhängend, mit schlankem, eleganten Abgang die Krönung der Braukunst ist und der Stolz des Braumeisters. Heute scheint läufts umgekehrt: je trüber und verrückter die Biere um so „hipper“ ist die Brauerei und um so höher der Preis. Die Feinen,  Eleganten, Glanzklaren überlässt man der „Industrie“ über die man schnödet…..

Ich würde es begrüssen, wenn an den Bierfestivals etwas mehr Professionalität gepflegt würde. Ein kompetentes Umfeld ist Voraussetzung um Markenbiere richtig präsentieren zu können. Das geht vom Standmaterial über Licht, Beschriftung, Gläserreinigung bis zur Putzequippe und Ordnung auf den Toiletten . Ich würde mich freuen, wenn die „grossen Profis“ mit ihren „Hellen“ auch dabei wären, wenn man die Bühne der Bierfestivals nicht zufälligen Organisatoren überlässt sondern ein Auge auf die Umsetzung wirft. Die Profis legen die Latte in Sachen Stil und Auftritt. Die starken Marken geben den Messen Image und Profil und sprechen auch traditionellere Biergeniesser an.
Nur mit Szenenbrauern ist es zwar lustig – es reicht aber nicht um das Image des Bieres langfristig anzuheben. Eine gute Durchmischung der Aussteller, Bierstile und Marken ist genau so wichtig wie Angebote zu mehr Fachwissen,  Degustationstechnik, Terminologie wie ein kleines aber passendes Speiseangebot. Wir sollten uns ein Stück von der Weinkultur abschneiden und an dieses Niveau anknüpfen. Und aufpassen, dass der Bier-Boom nicht in einer wachsenden Flut von zufällig entstehenden „Bierfestern“ mit zweifelhaftem Auftritt stecken bleibt.

Martin Wartmann, Bierbrauer

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