Der neue Biertrend

Etwas Geschichte
60 Jahre Bierkartell hat den Schweizern die Freude am Bier nachhaltig gestört. Jahrzehnte mit standardisierten „Lager Hell“ aus einheitlichen Flaschen und mit einheitlichem Preis, haben Innovationsgelüste im Keim erstickt. Die Biere differenzierten sich praktisch nicht. Die Kassensturz-Sendung, wo sechs Braumeister die eigenen Biere nicht erkannten, ist heute noch in Erinnerung. Nach der Kartellauflösung um 1992 ging’s in Sachen Vielfalt im zuerst im gleichen Takt weiter, mit dem Unterschied, dass der Markt nicht mehr vom Kartell sondern von den „Grossen“ mit Verträgen zugenagelt wurde. Sie hatten wenig Interesse an Vielfalt – mehr vom Gleichen ist einfacher. Es war jedenfalls wieder nichts mit Innovationen. Das Amberbier Original Ittinger war dann Mitte der 90iger Jahre das erste Schweizer Bier, welches sich mit Machart, Stärke, Farbe, Hopfen, Geschichte von der Flut der „Lager hell“ differenzierte.

Kein Wunder, dass die Generation vor 1970 wenig Bier-Affinität hat. Für diese „verlorene“ Biergeneration ist Bier ist ein günstiges, einfaches Getränk, immer gleich, fast ausschliesslich „hell“, Einwegflasche oder Schtange, meist zuhause, am Stamm oder am Waldfest. Bier als Begleiter eines guten Essens kommt kaum vor. Geschweige denn mal ein „anderes“ Bier. „Man“ trinkt  Wein. Wein ist gesellschaftsfähig. „Bessere Kreise“ trinken fast kein Bier. Viele Apéritifs beschränken sich auf Weisswein und Jus. Und für die „bessere Dame“ ist Bier ohnehinein absolutes „no go“. Ausnahmen bestätigen allenfalls die Regel.  Es ist darum auch kein Wunder, dass in der klassischen „besseren“ Schweizer Gastronomie Biervielfalt nicht existiert. Die Sortimente vieler berühmter Gastronmiebetriebe sind gelegentlich peinlich mager. Der Bierkenner und Geniesser weiss es – er frägt nicht mal mehr danach.

Brauerei-Boom
Die Globalisierung des Schweizer Biermarktes – 60% des in der Schweiz getrunkenen Bieres stammt nicht mehr aus Schweizer Unternehmen – hat zu einer Art „Widerstandsbewegung“ der Biertrinker geführt. Einige hundert Kleinst- und Garagenbrauereien sind daraus entstanden. Bierbrauen ist auf den ersten Blick einfach. Gutes Malz, warmes Wasser, ein bisschen Hopfen, Hefe, eine Internetanleitung und Zeit reichen aus. Frisch ab Topf getrunken macht das auch echt Spass. Allein, qualitativ gleichbleibende, hochwertige, komplexere Biere zu brauen, in Flaschen abzufüllen, so dass sie haltbar sind und im Markt verfügbar machen kann – das ist eine komplexe Aufgabe. Es  geht nicht ohne Know-How und teure Technik. Die wirtschaftliche Bedeutung und der echte Beitrag an ein innovatives Bierangebot hält sich deshalb sehr in Grenzen.

We don`t drink our father’s beer…
Rund um die Schweiz herum sieht das ganz anders aus. Da bewegte sich die Bierwelt schneller. Eine Vielzahl neuer, aromatischer und besonderer Biere sind auf dem Weg, sich eine Stellung in der Konsumwelt zu erobern. Die „neuen“  Biere stammen oft aus traditionsreichen „alten“ Brauereien, die mit ihren Produkten vom „Boom“ profitieren. Gründer von gelegentliche Start-Ups sind meistens Profi-Teams mit finanziellen Hintergrund. Eine neue Art von Biergeniesser löst mehr und mehr den klassischen „Schtangen-Trinker“ ab. Der neue, weltoffene Geniesser kennt sich in der Weinwelt und in andern Genüssen aus. Für ihn gilt das Motto „lieber weniger – dafür besser“. Er ist meist jünger als 40-45 Jahre, hat Geld für Genüsse, spricht Englisch und ist bereist. Er geht mir Bier anders um als seine Eltern. Er trinkt es im Golf-Club aus der Flasche. Zum Fisch bestellt er sich ein dunkles Weissbier. Er kennt den Unterschied zwischen Stout und Ales. Und er weiss, wo es belgische Blanches im Offenausschank gibt. Lager hell mag er auch. Im Sommer beim Grillfest des Quartiervereins.

Die grossen Trends dahinter
Vermassung der Biermärkte durch Globalplayer hat das Bewusstsein für kleine, besondere, regionale Biere gefördert. Bier gibt Heimat. Swissness ist beliebt. Individualität ist gefragt. Man lässt sich nicht mehr vorschreiben, vom Wirt oder Brauer, was man für ein Bier zu trinken hat. Man fordert kompetente Auswahl, nicht mehr nur „Etikettenbiere“. Selber machen ist in. Hunderte von Hobbybrauern und Brau-Clubs – in den USA sind es Millionen – machen Bier zum Gesellschaftsthema. Wenn man da nicht informiert ist, kann man nicht mitreden. Das Internet hat die ebenfalls Märkte aufgemacht. Das Wissen um Bier und deren Vielfalt steht weltweit zur Verfügung. Die Bier-Websites explodieren förmlich. Frauen-Power und Gesundheit: vor allem jüngere Frauen beginnen die Bekömmlichkeit von Bieren zu schätzen. Weniger Alkohol, unkompliziert, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, die Säure-Ballance, lustige kleine Marken und geschmackliche Vielfalt. Man entdeckt die Vielfalt der Bierangebote in andern Ländern. In den USA sind 8 bis 10 verschiedene Biere im Offenausschank normal. Die Biervielfalt in spanischen Tapasbars, französischen Bistros, belgischen Gourmet-Restaurants, italienischen Caffès und englischen Pubs ist erschlagend, im Vergleich zu den mageren Bierkarten der etablierten Schweizer Gastronomie.

Auch die Medien haben Bier entdeckt. Jeder Hobbybrauer und jede Garagenbrauerei erhält halbseitige Medienberichte. Man schreibt über Bierkultur und die Menschen dahinter. Und alles miteinander setzt das Rad ganz langsam in Schwung: der Biermarkt beginnt sich zu drehen. Auch in der Schweiz. Es wird Zeit, sich das nötige Wissen anzueignen…

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